ARTIKEL
Eine Revolution des Glaubens

Vorbemerkung:

1990 fand in Istanbul ein Said Nursi Symposium zu Ehren des 30. Todesjahres des Bediüzzaman (Einzigartiger seines Zeitalters) statt. Einer der Redner war der Engländer Dr. Colin Turner. Er hielt seine Rede in Englisch. Die deutsche Übersetzung erfolgte im Januar 1993 durch die Nur Medrese Köln Mülheim.

Es folgt Dr. Colin Turner´s Rede:

Als ein Mensch, der in Großbritannien geboren und aufgewachsen ist, werde ich oft gefragt, was wir Muslime dem Westen anzubieten haben. Aber bevor ich antworte, möchte ich selbst eine Frage stellen: "Sind wir Muslime, weil wir an Allah glauben? Oder glauben wir an Allah, weil wir Muslime sind?"

Diese Frage kam mir während einer Straßendemonstration in London in den Sinn, vor über einem Jahrzehnt. Es war eine Protestdemonstration gegen die russisch-sowjetische Okkupation in Afghanistan. Ein paar Jahre vorher war ich formal zum Islam konvertiert, und das war nicht meine erste Demonstration. In der Demonstration waren Banner und Plakate, und viele Slogans wurden gerufen. Und zwischen "Russen raus", "Tod dem Breschnew" und "Muslime von Afghanistan, erhebt euch!" riefen wir unsere eigenen islamischen Slogans: "Allahu akbar" (dt.: Gott ist am größten) und "La ilahe illa Allah" (dt.: Es gibt keinen Gott außer Allah).

Am Ende der Demonstration trat ein junger Mann an mich heran, stellte sich als Interessent am Islam vor und fragte: "Entschuldige bitte, aber was bedeutet La ilaha illa Allah?"

Ohne einen Moment zu zögern, sagte ich: "Es gibt keinen Gott außer Allah." Er sagte: "Ich habe nicht um die Übersetzung gebeten, sondern ich bat dich, mir zu sagen, was die Losung wirklich bedeutet." Da war ein langes, missliches Schweigen, und mir dämmerte, dass ich unfähig war, ihm zu antworten.

Du wirst nun zweifellos denken: "Was ist das für ein Muslim, dass er nicht einmal die wahre Bedeutung von La ilaha illa Allah weiß?!" Dazu musste ich sagen: "Ein typischer Muslim!" An jenem Abend habe ich über mein Ich-weiß-nicht nachgedacht. Bei der Mehrheit zu sein, half nicht; das machte mich noch niedergeschlagener.

Ja, warum wurde ich denn Muslim? Sicherlich kennst du die Anekdote über Nasreddin Hodscha: Eines Tages wurde er von einem Freund besucht, welcher den Hodscha fand wie er aus einem großen Korb mit Pfefferschoten saß. Seine Augen waren rot und geschwollen. Blut tropfte aus seinem Gaumen und Tränen tropften aus seinen Augen. Aber er aß tapfer weiter. Der Freund fragte: "Warum quälst du dich selber?" Nasreddin Hodscha biss in eine andere Pfefferschote und sagte: "Ich hoffe darauf, dass eine von ihnen süß sein wird."

Ich befand mich in der gleichen Lage. Keine Ideologie und kein von mir ausprobierter alternativer Lebensstil,  konnten mein inneres Verlangen nach etwas Mehr befriedigen, nach etwas wofür es sich lohnte zu existieren, nach dem exklusiven Etwas, das gerade um die Ecke ist, aber niemals zu sehen ist. Ich war unzufrieden mit jedem Aspekt meines Lebens, und ich verließ England. Und irgendwie driftete ich in den Nahen Osten. Das war keine bewusste Wahl. Dort fand ich die süße Pfefferschote.

Islam machte einfach Sinn, in einer Weise, wie irgendetwas anderes. Islam hat Regeln der Staatsverwaltung. Islam hat ein ökonomisches System. Islam hat Regeln, die jede Facette der tagtäglichen Existenz abdecken. Islam ist egalitär. Islam wendet sich an alle Rassen. Und Islam ist klar und leicht zu verstehen. Oh, und Islam hat einen Gott, an Den ich immer vage geglaubt hatte. Ich sagte La ilaha illa Allah und ich war Teil der Gemeinschaft (Umma). Zum ersten Mal in meinem Leben gehörte ich zu etwas dazu.

Frisch Konvertierte sind unbändig eifrig, in der möglichst kurzen Zeit so viel wie möglich über ihre Religion zu erfahren. In den nächsten paar Jahren wuchs meine Bibliothek sehr rasch. Da gab es so viel zu lernen, und es gab so viele Lehrbücher. Bücher über die Geschichte des Islam, über das ökonomische System des Islam, über das Konzept der Regierung im Islam; es gab zahllose Handbücher über islamisches Rechtswesen, und es gab vor allem Bücher über den Islam und die Revolution - wie sich Muslime erheben sollten  islamische Regierungen, islamische Republiken zu errichten. Als ich im Frühjahr 1979 nach England zurückkehrte, um einen Universitätskurs zu beginnen, war ich bereit, den Islam in den Westen einzuführen.

Es war wegen dieser Bücher, weswegen ich die Antwort auf die Frage suchte: "Was ist die Bedeutung von La ila ha illa Allah?" Wiederum wurde ich enttäuscht. Die Bücher waren über Islam, nicht über Gott. Sie deckten jedes mögliche Thema ab, das man sich vorstellen kann, außer dem einen Thema, das wirklich zählt. Ich legte die Frage dem Imam einer Universitäts-Moschee vor. Er entschuldigte sich und ging weg. Ein Glaubensbruder hatte meine zudringliche Frage an den Imam mitgehört; er trat zu mir und sagte: "Ich habe einen Tafsir zu La ilaha illa Allah. Wenn du willst, können wir den Tafsir zusammen lesen." Ich dachte, es würde sich um 10 bis 20 Seiten handeln, höchstens. Es stellte sich heraus, dass der Tafsir über 5000 Seiten hatte. Es war, wie du sicherlich weißt, das Risale-i Nur von Üstad (dt.: (großer) Lehrer) Bediüzzaman Said Nursi.

Anfänglich war ich von Risale-i Nur nicht allzu begeistert, weil es als Mystizismus etikettiert war. Mein Glaubensbruder betonte, dies wäre die Haltung eines engstirnigen Geistes. Ohne die intellektuellen Krücken, die mir von meinen alten Büchern geliefert wurden, fühlte ich mich unwissend und verloren. Das war eine völlig neue Sprache, eine total neue Vision. Mein Glaubensbruder fühlte meine Unruhe. Er sagte: "Sei nicht bekümmert. Die Bücher, die du vorher gelesen hast, haben alle ihren Stellenwert. Sie sind die Haut, aber dies ist das Fruchtfleisch", sagte er und berührte ein Exemplar: Das höchste Zeichen. So begannen wir zu lesen, diesmal im Namen Allahs und langsam rückten die Dinge an ihre Stelle.

Jeder von uns ist in abgrundtiefer Unwissenheit geboren. Das Verlangen, uns selbst und unsere Welt zu erkennen, ist uns angeboren.

"Wer bin ich? Woher komme ich? An welcher Stelle befinde ich mich? Was ist meine Pflicht hier? Wer ist verantwortlich dafür, dass ich ins Dasein kam?“

Das sind die Fragen, die jeder von uns auf seine Weise beantwortet, entweder durch direkte Beobachtung oder durch die blinde Annahme von Antworten, die uns andere suggerieren. Und wie man das eigene Leben lebt, das Kriterium, durch das man in dieser Welt handelt, hängt von der Natur dieser Antworten ab. Das Höchste Zeichen ist nichts weniger als eine angeleitete Reise durch den Kosmos, und der Reisende ist jemand, der Antworten auf diese Fragen sucht.

Das Höchste Zeichen setzt den Glauben an Gott nicht voraus. Vielmehr wandert es vom Geschaffenen zum Schöpfer. Es bestätigt, dass jedermann, der aufrichtig die Antworten auf die Fragen wünscht ,und der auf die geschaffene Welt blickt wie sie ist, und nicht, wie er sie wünscht oder sie sich vorstellt, unvermeidbar zur Schlussfolgerung kommen muss: La ilaha illa Allah. Denn er sieht Ordnung und Harmonie, Schönheit und Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Gnade, Fürstlichkeit und Großzügigkeit. Und zur gleichen Zeit wird er erkennen, dass diese Attribute nicht auf die geschaffenen Dinge selber zeigen, sondern auf eine Realität, in der all diese Attribute in Vollkommenheit und Absolutheit e­xistieren. Er wird sehen, dass die geschaffene Welt ein Buch der Namen ist, ein Index, der über seinen Besitzer erzählen will.

In der Schrift Tabiat Risalesi (dt.: Natur: Ursache oder Wirkung?) führt Bediüzzaman die Interpretation von La ilaha illa Allah weiter fort. Er untersucht den Begriff der Ursächlichkeit, den Eckstein des Materialismus und den Pfeiler, auf den die moderne Naturwissenschaft gegründet ist. Glaube an Ursächlichkeit lässt Behauptungen entstehen, wie zum Beispiel: "Es ist natürlich; Natur erschuf das; es geschah durch Zufall, und so weiter." Mit objektiv vernünftigen Argumenten erläutert Bediüzzaman den Mythos von der Ursächlichkeit und demonstriert, dass die Anhänger dieser Doktrin auf den Kosmos sehen, nicht wie er wirklich ist oder wie er scheint zu sein, sondern wie sie ihn gerne haben möchten.

In der Abhandlung Tabiat Risalesi demonstriert Bediüzzaman, dass alle Wesen auf allen Niveaus aufeinander bezogen sind, miteinander verbunden und voneinander abhängig sind, ähnlich wie konzentrische oder sich überschneidende Kreise. Er zeigt, dass Dinge in die Existenz kommen, gleichsam von nirgendwo; und jede Sache hat während seines kurzen Lebens seinen eigenen Zweck, sein Ziel, seine Mission, und die Sache handelt als Spiegel, in dem verschiedene Attribute und zahllose Konfigurationen der Namen entfaltet werden. Die Beschaffenheit der Dinge, ihre Vergänglichkeit, ihre Ohnmacht und Hinfälligkeit, ihre totale Abhängigkeit von Faktoren außerhalb ihrer selbst, beweisen zweifellos, dass sie nicht die Eigentümer dessen sein können was sie anscheinend besitzen. Und sie können keine Attribute der Vollkommenheit den Dingen geben, die ihnen gleich oder die größer als sie selbst sind.
Die Materialisten jedoch sehen die Dinge anders; sie sehen nicht verschiedene Dinge. Sie verlangen von uns zu glauben, dass dieser Kosmos, dessen innewohnende Ordnung und Harmonie sie nicht leugnen, letztendlich das Werk des Zufalls sei, das Werk des Chaos und der Unordnung, des schieren Zufalls. Dann versuchen sie uns glauben zu lassen, dass dieser Kosmos durch ein mechanistisches Zusammenspiel gehalten wird  von Ursachen - was immer sie sein mögen, und nicht einmal die Materialisten kennen sie genau - Ursachen, die selber geschaffen sind, die ohnmächtig, unwissend, vergänglich und zwecklos sind, aber die durch Gesetze, die anscheinend von irgendwo auftauchen, bewerkstelligen, die geordneten Werke der Kunst, der Symphonien, der Harmonie und des Gleichgewichts zu schaffen, die wir rund um uns sehen und hören.

Wie Abraham im Haus der Götzen, so zerstört Bediüzzaman diese Mythen und diesen Aberglauben. Er betont: Sind alle Dinge miteinander verbunden, dann ist jenes, was für das Erschaffensein eines Blumensamen verantwortlich ist, auch für die Blume selber verantwortlich. Sind alle Dinge voneinander abhängig, so muss jenes, was die Blume erschafft, auch für den Baum verantwortlich sein. Sind alle Dinge aufeinander bezogen, so muss jenes, was den Baum erschafft, für den Forst verantwortlich sein, und so weiter. Wer/was ein einzelnes Atom erschaffen kann, der/das muss den gesamten Kosmos erschaffen können. Der/das ist sicherlich eine riesige Ordnung für eine Ursache, die blind ist, ohnmächtig, vergänglich, abhängig und bar der Erkenntnis unseres Zweckes.

Mehr und mehr Wissenschaftler gewahren, dass die mechanistische Theorie einfach nicht länger tragbar ist. Da man die Schönheit, die Ehrfurcht, die Ordnung, die Harmonie, die Symmetrie und die Zweckhaftigkeit sieht, werden Versuche steigend unhaltbar , die Schöpfung durch die Idee von Zufall und Ursächlichkeit zu erklären. Viele sind so wütend über den drohenden Zusammenbruch ihrer alten Götter, dass sie in Hysterie verfallen.

Ein berühmter Biologe - und Biologie ist immer noch die rigideste der Fachdisziplinen - soll gesagt haben: "Lustigerweise ist es so,  je mehr Schönheit und Harmonie ich im Kosmos entdecke, desto mehr werde ich von dessen Sinnlosigkeit überzeugt." Der „arme“ Mann scheint nicht begriffen zu haben: Ist alles sinnlos, dann ist er selbst sinnlos. Ein anderer berühmter - oder soll ich sagen berüchtigter – Wissenschaftler (ebenfalls  Biologe) behauptet, dass die Existenz der Wesen und besonders des Phänomens der Form keineswegs den launenhaften Bewegungen blinder, unbekannter und ohnmächtiger Ursachen zugeschrieben werden kann. Er ist nicht allein in seinem Denken, aber er ist der erste hervorragende westliche Biologe, der solche Meinungen offen verkündet. Interessanterweise vergleicht er die Bruderschaft westlicher Wissenschaftler mit dem Russland unter Breschnew. Die mechanistische Theorie ist die strenge, allmächtige Orthodoxie, der sich alle Wissenschaftler, besonders Biologen, unterwerfen müssen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen - und ihre Arbeitsplätze. Und so sind sie gezwungen, eine furchtsame Maskerade zu leben: öffentlich rufen sie ihre Loyalität heraus, aber privat flüstern sie ihre wirklichen Gedanken. Als das Buch, in dem er die Ursächlichkeit angreift, veröffentlich wurde, hielt ihn das Magazin The New Scientist  reif für den Scheiterhaufen. Seitdem wurde der Autor ein Ausgestoßener, ein Salman Rushdie der westlichen Wissenschaft.

Solch weitgestreute, differierende Meinungen über die Gültigkeit der kausalen Hypothese zeigen, dass der Natur oder den Naturgesetzen, den Schöpfergesetzen beizumessen keineswegs das unvermeidbare Ergebnis der objektiven, wissenschaftlichen Forschung ist. Gleicherweise ist die Verleugnung des Schöpfers des Kosmos, der mit offensichtlichen Ursachen Seine Hand der Macht (Yad-i Kudrat) verhüllt hat, kein Akt der Vernunft, sondern ein Akt des Willens. Die Ursächlichkeit ist ein roher und listiger Plan, womit der Mensch die göttlichen Eigenschaften in die geschaffenen Dinge hineinverlegt, damit er sich selber als absoluter Eigentümer und Herrscher all dessen aufbauscht, was er hat, und all dessen, was er ist.

Mein Ziel war nicht, ein „Destillat“ des Risale-i Nur zu geben, sondern zu zeigen, wie weit weg meine früheren Auffassungen über Allah waren, bevor ich dieses Werk las. Ich glaubte, mit dem Ausspruch La ilaha illa Allah hätte ich alles gesagt, was über Allah zu sagen wäre. Durch das Risale-i Nur wurde mir klar: Früher war Gott etwas, das ich eingebracht hatte, um das Geschehen zu vervollständigen, ein unbekannter Faktor, fast willkürlich an den Beginn der Schöpfung gestellt, um die Unmöglichkeit einer unendlichen Ursachenkette zu vermeiden. Er war die "Erste Ursache", der Erstbeweger, ein wahrhafter "Gott der Lücken". Er war eher ein konstitutioneller Monarch englischen Zuschnitts, der mit äußerstem Respekt behandelt werden muss, aber der in die Angelegenheiten des tagtäglichen Lebens nicht eingreifen darf.

Inspiriert von der Lösung La ilaha illa Allah zeigt das Risale-i Nur, dass die Zeichen Gottes, diese Spiegel Seiner Namen und Attribute uns geoffenbart werden, beständig in neuen und immer wandelnden Formen und Konfigurationen, und diese verlocken zu Anerkennung, Annahme, Hingabe, Liebe, und Gottesanbetung. Das Risale-i Nur zeigt, dass es einen deutlichen Prozess im Muslim-Werden im wahrsten Sinne des Wortes gibt: Von der Kontemplation zum Wissen (Erkenntnis), vom Wissen zur Bestätigung, von der Bestätigung zum Glauben oder zur Überzeugung, von der Überzeugung zur Hingabe an Gott. Und da jedes neue Moment, jeder neue Tag die Offenbarung frischer Aspekte der Göttlichen Wahrheit sieht, ist dieser Prozess ein beständiger. Die äußeren Praktiken des Islam, die formalen Akte der Gottesanbetung sind so in einem Sinne statisch. Der Glaube jedoch ist dem Ansteigen und Vermindern unterworfen, was von der Fortdauer des eben erwähnten Prozesses abhängt. So ist es die Realität des Glaubens, die unsere höchste Aufmerksamkeit verdient. Von dort folgen die Realitäten des Islam unweigerlich. So kann ich sagen, dass ich ein Muslim wurde, aber kein Gläubiger. Das was mir als Glaube schien, war in Wirklichkeit nichts mehr als die Unfähigkeit zu leugnen. Bediüzzaman war nicht verantwortlich, dass ich in den Islam eingeführt wurde -  das hätte jeder andere tun können - sondern dass ich in den Glauben eingeführt wurde: Glaube durch Forschung, nicht durch Nachahmung.

Lasst uns nun zur Frage zurückkehren: "Was können wir Muslimes dem Westen anbieten?" Die Antwort ist: "Alles und nichts." Wir haben den Glauben und den Islam, und das ist alles. Und wir haben unser Verständnis und unsere Interpretation des Islam, was in den meisten Fällen nicht allzu viel zählt.

Aus den Büchern, die mich in den Islam einführten, ist offenkundig: Fast alles, was für den Westen geschrieben wurde, geschah mehr oder weniger auf der Ebene eines wohlwollenden (ungefährlichen) kulturellen Austausches. Fast beständig wurde über die zentrale Frage des Glaubens nur geschwätzt oder sie wurde völlig ignoriert.

Im Qur´an taucht das Wort Allah mehr als 2500 Mal auf, das Wort Islam weniger als zehnmal. In einem guten Teil moderner islamischer Schriften ist das Verhältnis grob umgekehrt. Im Qur´an ist das Verhältnis von Iman (dt.: Glaube) zu Islam 5:1. Bei arabischen Buchtiteln am Ende des 19. Jahrhunderts war das Verhältnis von Iman zu Islam 2:3. In den 1960-ern war das Verhältnis auf 1:13 hochgeschnellt, und heute ist das Verhältnis zweifelsohne noch höher. Es ist ganz deutlich: In der Annäherung  an den Westen hat man sich auf den Islam als ein System konzentriert, als eine alternative "Ideologie", wobei die Realitäten des Glaubens fast nicht dargelegt wurden.

Ein anderer Grund, warum unsere Annäherung an den Westen wenig vorankam, liegt darin, dass wir den Westen nicht verstanden haben. Der Westen ist nicht nur eine geopolitische Einheit, sondern auch eine Metapher. Geografisch war der Westen der erste Ort, an dem eine Massenrevolte gegen das Göttliche eintrat. Die moderne westliche Zivilisation ist die erste Zivilisation, die im Kern keine formale Struktur des religiösen Glaubens hat. Der Westen ist so eine Metapher für den Sonnenuntergang des religiösen Glaubens -  eine Metapher für die Verfinsterung Gottes. Die Verfinsterung ist nicht länger auf den geopolitischen Westen beschränkt. Daher kann man sagen: Überall wo Glaubenswahrheiten beiseitegeschoben werden, ist der Westen. So sollte also unter Westen ein gewisser Zustand des Geistes verstanden werden, ein Gebrechen, eine Abirrung. Wie Bediüzzaman Said Nursi aufgezeigt hat, liegt die Wurzel davon in der Krankheit der Selbstanbetung, von ENE.

Vom Beginn der Renaissance an war der Mensch im Westen sein eigener Bezugspunkt, das Zentrum des eigenen Universums, das einzige Kriterium, durch das er sein leidenschaftliches Leben auslebt. Er hat die Kleider der göttlichen Namen gestohlen, hat sich in sie gekleidet und hat Gott nachgeahmt. Das Problem ist, dass diese „Kleider“ nicht passen können. Der westliche Mensch will nicht akzeptieren, dass seine Pflicht nur darin besteht, die Göttlichen Attribute im Namen des Schöpfers und entsprechend Dessen Willen zu reflektieren. Der westliche Mensch beansprucht die Göttlichen Attribute als sein Eigentum und verbringt sein ganzes Leben damit, sie seinen eingebildeten Besitztümern hinzufügen zu wollen. Er sucht das Unbegrenzte im Begrenzten, und das zerrt ihn in einen heftigen und oft mörderischen Wettbewerb mit seinen Mitmenschen. Des Menschen endlose Begierden sind durch die Tatsache erhöht, dass er begrenzt ist, ohnmächtig und abhängig, und eines Tages muss er alles aufgeben, was den Anschein hatte sein Eigens zu sein, und die Vernichtung wartet auf ihn. Seine Begrenzungen und Mängel, die ihn eigentlich an seine absolute Abhängigkeit und Ohnmacht erinnern sollten, will er durch eine gewisse Selbsthypnose verbergen.

Der westliche Mensch flieht vor den üblen Gedanken an sein letztendliches Schicksal, er erstickt seine angeborene Fähigkeit, den Schöpfer zu erkennen und zu lieben; er will nicht wahr haben, dass der Mensch nichts ist und nichts Eigenes hat. Die säkulare, in sich selbst verliebte Gesellschaft des Westens ist auf allen Ebenen so eingerichtet, dass sie blendet und irreleitet. Sie muss die Tatsache maskieren, dass die Religion des Selbst gescheitert ist, ihre eigene Versprechungen zu realisieren; dass die säkulare Trinitas des "unbegrenzten Fortschritts, der absoluten Freiheit und des unbeschränkten Glücks" so gehaltlos ist wie die christliche Trinität, die ein paar Jahrhunderte früher verdrängt wurde. Sie muss die Tatsache verhüllen, dass der ökonomische und wissenschaftliche Fortschritt, der den säkularen Humanismus als zugrundeliegenden Ethos hat, den Westen in eine geistige Wüste verwandelt hat und Generation nach Generation ausgeplündert hat. Aber es gibt welche, die anfangen aufzuwachen, welche die Illusion wahrnehmen, unter der sie gelebt haben. Es sind jene, denen die Krankheit von ENE (Ich-Kult) aufgezeigt werden muss. Es ist nutzlos, jemandem, der von dieser Krankheit geschlagen ist, zu sagen, dass die islamische Ökonomie oder das islamische Rechtssystem höchst egalitär und höchst gerecht ist. Man kann einen Krebskranken nicht heilen, indem man ihm einen Mantel gibt. Was nötig ist: eine korrekte Diagnose, eine radikale Operation und eine beständige Nachbehandlung. Das Risale-i Nur liefert all dies.

Zu Beginn meiner Auslegung habe ich das Risale-i Nur als Mystizismus charakterisiert. Und ich habe auch andere es so beschreiben hören. Die Wahrheit ist anders, denn da gibt es wenig Esoterisches bei der starren Wahl, die uns Said Nursi vorlegt: Glaube und Unglaube, ewiges Glück oder ewige Erbärmlichkeit, Heil oder Unheil, Himmel oder Hölle- in dieser Welt und in der nächsten Welt.

Ich hörte einige andere sagen, das Risale-i Nur sei revolutionär, und dem stimme ich zu. Aber ich spreche nicht über Revolution im politischen Sinne des Wortes. Eine politische Revolution wird im Risale-i Nur nicht erwähnt, wiewohl ich mir sicher bin: Hätte das Risale-i Nur zum gewaltsamen Sturz aller säkularen Regimes aufgerufen, dann würde man es an jeder westlichen Universität lesen wollen, und Bediüzzaman wäre ein „Haushaltsname“ im Westen.

Nach alledem, der Westen ist an Extremismus interessiert, besonders wenn er mit Religion parfümiert ist. Was kann besser sein, was schöner, was köstlicher in den Augen westlicher Medien als der Anblick tausendet zorniger Muslime in einer fernen, gewalttätigen Stadt, die "Tod für Amerika" rufen, die Revolution verlangen und die Einführung der Scharia?! Der Westen muss sich nicht länger der Mühe unterziehen, den Islam falsch zu interpretieren: wir tun es für sie und sie nehmen es als Bestärkung ihrer Vorurteile auf. Ich erinnere mich, wie ich solch eine Demonstration vor einem Jahrzehntbetrachtete: es war ein Land, wo Amerika als der „große Satan“ bekannt ist. Was mir damals auffiel war die Tatsache, dass etwa 70% der Menge Levi-Jeans anhatten; und jede Zigarette, die nach der Demonstration geraucht wurde, war entweder Marlboro oder Winston. Wenn eine Hand die Bande zertrennt oder zu trennen behauptet, die uns an den Westen bindet, so klammert sich die andere Hand umso fester an die Bande.

Aber noch behaupten wir, dass es Zeit für Aktion wäre, dass wir genug geredet hätten. Ich habe dies tatsächlich schon in Bezug auf Risale-i Nur sagen hören. Jemand sagte: "Das ist alles Gerede, aber es steckt keine Aktion dahinter." Aber wir haben nicht geredet, wir haben nur gestöhnt und geklagt. Und weil wir nicht geredet haben, keine Unterhaltung von Bruder zu Bruder gepflegt haben, , vom Gläubigen zum Gläubigen, von Muslim zu Muslim, im Namen Allahs, in der Sprache des Qur´an und in der Sprache des Buches der Schöpfung… Wenn wir dann handeln, dann tun wir dies inkorrekt, ohne Autorität, ohne Disziplin, ohne ein wahres Kriterium und ohne Bezugsrahmen. Der Westen versteht dies perfekt.

Nein, die Art der Revolution, ausgeschrien auf den Straßen Teherans, Kairos oder Algiers, ist nicht die Art der Revolution, die Bediüzzaman vertritt. Die Art der Revolution, die das Risale-i Nur will, ist eine Revolution des Verstandes, des Herzens und des Geistes. Das ist keine islamische Revolution, sondern eine Revolution des Glaubens. Als solche arbeitet sie auf zwei Ebenen: Sie soll Gläubigen vom Glauben durch Nachahmung zum Glauben durch Forschung bringen; und sie soll die Ungläubigen von der Anbetung des Selbst zur Anbetung Allahs führen. Und deswegen ist in den Augen der Mächtigen des Westens ein Werk wie das Risale-i Nur so unausstehlich.

Zum Schluss möchte ich dies sagen: Nach vielen Jahren des Suchens und Vergleichens kann ich sagen: Risale-i Nur ist das einzige, in sich stimmige, umfassende islamische Werk, das den Kosmos so sieht, wie er wirklich ist. Es zeigt die Realität des Glaubens, wie er wahrhaftig ist; es interpretiert den Qur´an, wie unser Prophet es wollte. Es diagnostiziert die wirklichen und sehr gefährlichen Krankheiten, die den modernen Menschen schlagen, und das Risale-i Nur bietet Heilung. Ein Werk wie das Risale-i Nur, welches das Licht des Qur´an reflektiert und den Kosmos beleuchtet, kann nicht ignoriert werden. Denn nur der Islam steht zwischen dem modernen Menschen und der Katastrophe. Und ich glaube, dass die Zukunft des Islam von Risale-i Nur abhängt und von jenen, die seinen Lehren folgen und von seinen Lehren inspiriert sind.

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